Sexarbeiter_innen als Vorbilder

Christian Schäfer hat mir in der Huffington Post nach meiner Teilnahme bei „Günther Jauch“ einen Brief geschrieben, der mich dazu bewegt hat, ein paar persönliche Gedanken zum Ansehen von Sexarbeiter_innen in öffentliche Worte zu gießen. Hier ist meine Antwort.


Danke, Herr Schäfer!

Ich habe vor einigen Tagen Ihren Beitrag in der Huffington Post gelesen. Der hat mich ganz überraschend berührt.

Wissen Sie, ich lebe ja in meiner eigenen kleinen, großteils sex-positiven und ansonsten zutiefst toleranten Privatwelt. Die meiste Zeit spüre ich vom Hurenstigma nicht viel. In meinem privaten Umfeld spielt mein Beruf meist keine größere Rolle als die Berufe der anderen. Mit Kolleg_innen tausche ich Unterstützung und Anerkennung. Von Kund_innen ernte ich vor allem Dankbarkeit.

Allenfalls in Momenten der Abwägung wurde und wird mir der schlechte gesellschaftliche Stand meines Berufes bewusst. Will ich wirklich einen Job als Erotikmasseurin anfangen? Will ich dann später allen Ernstes die Sexarbeit auch noch zu meinem Hauptberuf machen? Möchte ich wirklich unter meinem bürgerlichen Vornamen arbeiten? Und dann noch mit vollem Namen bei Günther Jauch in der Talkrunde sitzen? Im lieber dreimal, viermal Nachdenken wird greifbar, wie wenig selbstverständlich diese Entscheidungen sind, wie wenig anerkannt mein Beruf ist und wie real die möglichen Folgen für meinen weiteren Lebenslauf. Dennoch hat sich eine diffuse Angst vor einer verspielten Karriere, einem „ruinierten“ Ruf oder dem Verlust von Bekanntschaften nie als ausreichend machtvoll erwiesen, mich von irgendeinem dieser Schritte zurückzuhalten. Und meist komme ich mir trotz allem ziemlich bürgerlich, ziemlich normal vor.

Doch für einen Auftritt als Sexarbeiterin öffentlich und unter vollem Namen des Autors in einem überregionalen Medium und im bis auf alle Ewigkeiten Aussagen konservierenden Internet als Vorbild bezeichnet zu werden? Das trifft von einer ungewöhnlichen Seite den Kern der Sache. Damit hätte ich beim besten Willen nicht gerechnet. Und so etwas habe
ich auch sonst noch nicht gelesen. Respektsbekundungen, ja, und teilweise eine Art distanziert-staunende Bewunderung. Aber konkret als Vorbild empfohlen werden?  Unerhört. In meiner privaten Welt ergibt das Sinn, aber in meiner Überraschung offenbart sich, wie wenig ich von der „Welt da draußen“ erwarte, die Wertigkeiten meines selbst gewählten Umfeldes zu spiegeln.

Dabei leuchtet es ein. Sexarbeiter_innen sind Menschen, die Mut beweisen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Die tätig werden, sich ganz offenbar eine eigene Meinung gebildet haben und sich dann gegen andere, aus welchen Gründen auch immer für sie unattraktivere Alternativen und für einen unkonventionellen, wenig unterstützten
Weg entscheiden, um Ziele zu erreichen, die ihnen wichtig sind: mehr und flexibler Zeit für sich selbst und die, die ihnen nahe stehen. Mehr und flexibleres Einkommen als in anderen Berufen. Mehr auch als in vielen qualifizierten Berufen, die durch intensiven Kunden-, Klienten- oder Patientenkontakt (abgesehen von den sexuellen Aspekten) ein ähnliches Anforderungsprofil haben.

Wir Sexarbeiter_innen entwickeln auf der Arbeit unser Einfühlungsvermögen und unser Verhandlungsgeschick. Wir können uns schnell auf ein noch fremdes Gegenüber einstellen, Vertrauen aufbauen und für eine freundliche, entspannte Atmosphäre sorgen. Wir können aufschlussreiche Gespräche über diffizile, sehr persönliche und oft schambesetzte Themen führen. Wir üben einen gelassenen, akzeptierenden Umgang auch gegenüber schwierigen Menschen oder gegenüber ausgefallenen sexuellen Wünschen, selbst wenn wir natürlich nicht alle zu erfüllen bereit sind. Wir lernen, Grenzen klar und unmissverständlich zu kommunizieren, ohne dabei die Stimmung des Momentes zu ruinieren. Als Selbständige befassen wir uns außerdem mit Buchführung und Marketing und entwickeln die Fähigkeiten zur Selbstorganisation und zum erfolgreichen
Haushalten mit den eigenen Kräften. Idealerweise.

Wenn es einmal selbstverständlich ist, dass Kolleg_innen in der Sexarbeit beim Berufseinstieg Unterstützung erhalten, um diese Fähigkeiten auszubilden, wird dieser Idealfall noch viel häufiger der Realfall sein. Wenn es endlich ausreichend berufsspezifische Weiterbildungen gibt, Coachings durch Kolleg_innen mit mehr Berufserfahrung, kollegiale Supervision, um die eigenen Erlebnisse zu reflektieren und daraus zu lernen, wenn es all die Möglichkeiten, die es in anderen Berufssparten gibt, um diese Fähigkeiten schneller und besser und mit weniger groben Fehltritten zu meistern, dann sind wir für alle in der Sexarbeit tätigen einen wichtigen Schritt weiter.

Wenn dann Sexarbeit im Lebenslauf endlich als ein Hinweis auf all diese Kompetenzen gesehen wird, wenn sie endlich einen Pluspunkt darstellt für Tätigkeiten in anderen Berufen mit verwandten Anforderungen, dann sind wir für all diejenigen, die der Sexarbeit irgendwann einmal den Rücken kehren wollen, einen beachtlichen Schritt weiter.

Und wenn wir mental nicht mehr darüber stolpern, dass einer Sexarbeiterin eine Vorbildrolle zugeschrieben wird, dann sind wir gesellschaftlich, in unserem Verhältnis zur Sexualität und in unserem Blick auf Geschlechterrollen so viel weiter, dass ich mir nicht einmal vorstellen kann, wie die Gesellschaft dann aussähe. Und das gilt auch für eine Gesellschaft, in der wir mit einer Haltung der Wertschätzung an die Menschen und ihre vielen verschiedenen Beiträge zu einem gedeihlichen Zusammenleben herantreten. Wie das wohl wäre? Keine Ahnung. Aber das alles klingt interessant genug, um sich dafür zu engagieren, das mal auszuprobieren.

Herr Schäfer, vielen Dank für Ihren Mut und den gedanklichen Anstoß.

 

2 Gedanken zu „Sexarbeiter_innen als Vorbilder

  1. Was ist so schlimm daran wenn ein Mensch eine sehr gute Dienstleistung anbietet und dafür eine adäquate Bezahlung erhält. Bei jedem Handwerker ist das möglich. Niemand wird verurteilt oder in eine öffentliche Diskussion gezogen. Warum hier? Wenn man diesen Beruf ernst nehmen würde und entsprechende Regeln schafft sollte es doch keine Probleme mehr geben.
    Und Menschen die Sexarbeiter nicht als willfähriges Fleisch betrachten, hier sollte man sowieso den Begriff Mensch vermeiden, sondern als Geschäftspartner_in wird dieses Geschäft als ein gutes Geschäft auffassen, wenn gegenseitige Achtung die Grundlage ist und bleibt. Wenn man die Diskussionen auf den entsprechenden Seiten verfolgt, so haben die Sexarbeiter von mir mehr Hochachtung zu erwarten als eine A. Schwarzer.

  2. „Sexarbeiter-innen als Vorbilder“ bringt mich zum Schmunzeln!
    Fakt ist doch, Frau Morgenroth hat in der bekannten Talkrunde ein gutes Bild abgegeben, ist für ihre Sache, ihre Ideale eingestanden.
    Das sollte jedem möglich sein, Mut und Courage vorausgesetzt, nicht nur zur besinnlichen und warmherzigen Weihnachtszeit.
    Ideale sind verschieden, wie wir Menschen selbst. Respektiere!
    Dann kann jeder Vorbild sein, ob Klo-, Müllmann, Politiker oder Sexarbeiter-innen.

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