Gedanken zum Berufswechsel

An Entscheidungen für unterschiedliche Berufe werden sehr unterschiedliche Kontinuitätserwartungen herangetragen. Als ich angefangen habe, Informatik zu studieren, hat niemand, aber auch wirklich niemand zu mir gesagt: „Aha, so Computerkram. Spannend. Aber denkst Du denn, dass Du das bis zur Rente machen wirst?“ Was vermutlich angebracht gewesen wäre, denn es heißt ja immer, viele Menschen in meiner Altersgruppe werden nicht ihr ganzes Erwerbsleben bei einer Sache bleiben.

Als öffentlich sprechende Sexarbeiterin bin ich unzählige Male gefragt worden, ob ich denn vorhabe, das bis zur Rente zu machen. Ich habe mich bei dieser Frage immer ein bisschen unwohl gefühlt. Einerseits ist es eine einfache Frage mit einer klaren Antwort. Andererseits ist mir bewusst, dass sie mir in vielen anderen Berufen nicht gestellt werden würde. Wenn ich sie für mich wahrheitsgemäß mit „Natürlich nicht“ beantworte, bestätige ich damit möglicherweise nicht formulierte aber mehr oder weniger bewusst mitgedachte Vorstellungen.

„Mit Sexarbeit verdient man im Alter ja nichts mehr.“

Ja, Jugend gehört zum aktuellen Schönheitsideal für Frauen und sicher hat das einen Einfluss aufs Geschäft. Trotzdem: ich kenne einige Kolleginnen, die jenseits der fünfzig, jenseits der sechzig ihre Sexarbeitskarriere erst begonnen haben. Schließlich gibt es auch Menschen, die ältere Frauen attraktiver finden; es gibt ältere Menschen, die es komisch fänden, mit einer Frau ins Bett zu gehen, die ihre Tochter sein könnte; und es gibt jüngere Menschen, die sich bei einer erfahreneren Kollegin besser aufgehoben fühlen.

Es ist eine Marketingfrage, diese Zielgruppen zielgerichtet anzusprechen. Als junge, einem gängigen Schönheitsideal entsprechende Frau ist die gedankenlose Breitbandwerbung durch mehr oder weniger geschicktes Zeigen des eigenen Körpers einfacher. Aber ich zweifle grundsätzlich daran, dass es eine besonders gute Marketingstrategie ist. Breitbandwerbung zieht Breitbandkundschaft und nicht unbedingt die, die am besten zum eigenen Angebot passt.

Dazu kommt: wer als „ältere Frau“ nicht erst anfängt, sondern schon lange in der Sexarbeit tätig ist, hat meist über viele Jahre treue Stammkundschaft gesammelt, der die Person oder ihren besonderen Fähigkeiten wichtiger sind als die Spuren der vergangenen Lebensjahre.

„Ah, es war also doch nur eine Phase.“

Eine Phase im Sinn von „ein auch wieder zu Ende gehender Zeitraum“? Sicher. So wie die Schule „eine Phase“ war und das Studium und jede Beziehung, die ich je wieder beendet habe, jeder Wohnort, von dem ich wieder weggezogen bin, jedes Projekt, für das ich mich irgendwann mal engagiert habe und jetzt nicht mehr, und jeder Job, den ich irgendwann wieder gekündigt habe.

Mich stört eine Sichtweise, die nur das, was bestehen bleibt, für wertvoll oder relevant erachtet. Was ist, wenn es eine wichtige Phase war, in der ich Lektionen gelernt habe, die ich um keinen Preis missen möchte? Wenn ich stolz darauf bin und die Erfahrungen dieser Zeit nicht hinter einem „nur“ verstecken und dann sang- und klanglos in Vergessenheit geraten lassen will?

Hin und wieder habe ich den Eindruck, in einzelnen Gratulationen zum erfolgreichen Neustart schwingt (selbst bei einigen meiner Gäste) auch Erleichterung mit. Die wilden Jahre (sowas sei ja allen gegönnt, aber irgendwann muss es dann auch mal gut sein) sind offenbar vorbei und ich habe es noch rechtzeitig in die Mitte der Gesellschaft zurückgeschafft. Sagten einige sinngemäß: „Du bist noch jung. Wenn Du nicht zu viel Aufhebens drum machst, ist in ein paar Jahren Gras darüber gewachsen.“ Es verletzt mich, wenn Menschen wohlmeinend implizieren, meine letzten Jahre seien etwas, worüber ich in Zukunft am besten Stillschweigen bewahre.

„Es ist eben so, dass man diesen Job nicht lange machen kann.“

Ein Mann, der meine Dienste gerne noch in Anspruch genommen hätte, sagte kürzlich zu mir, Zitat sinngemäß: „Schade für mich, aber zum Glück hast Du die Kurve noch gekriegt, bevor Du Schaden genommen hast. In dem Beruf hat man ja bestimmt mit vielen komischen Leuten zu tun, das steckt man auf Dauer ja nicht weg.“ Jede Geschichte einer Sexarbeiter_in, die irgendwann wieder etwas anders macht, ist Wasser auf den Mühlen derjenigen, die sich sicher sind, dass niemand (oder: keine Frau) diesen Beruf freiwillig wählen würde und er auf Dauer immer psychische Schäden hinterlässt. Vor allem wenn sie eine von denen ist, die ihre Berufsentscheidung öffentlich selbstbewusst vertreten haben.

Aber nein, danke, ich möchte in dieser Beweisführung nicht als Beispiel dienen. Es hängt mir zum Hals heraus, dass bei uns Sexarbeiter_innen ständig eine repräsentativ für alle stehen soll, anstatt die große Spannweite der persönlichen Geschichten anzuerkennen. Ich kenne persönlich diverse Kolleg_innen, die mir nach Jahrzehnten Sexarbeit und keinem Ende in Sicht psychisch nicht mehr und nicht weniger intakt erscheinen als der Rest der Bevölkerung. *

Der größte Vorwurf, den ich der Sexarbeit machen kann, ist der: sie war für mich in den letzten Jahren nicht mehr so spannend und aufregend wie zu Anfang und sie hat Zeit und Energie in Anspruch genommen, die ich gerne den Themen gewidmet hätte, die ich zur Zeit neu und spannend finde. Sorry, kein Trauma. Nichtmal ein Burn-out. Und es ist auch überhaupt nicht gesagt, dass die Wendung endültig ist. Ich habe ja auch die IT nach ein paar Jahren Pause für mich wieder entdeckt.

Was ich mir wünsche: Durchlässigkeit

Vielen Reaktionen auf meinen Berufswechsel liegt die Idee zu Grunde, dass es zwei Welten gibt: die bürgerliche Welt anerkannter Arbeit und die aufregende aber etwas dubiose Welt der Sexarbeit. Oder aus einer anderen Perspektive: die konservative, körperfeindliche und etwas verklemmte Mehrheitsgesellschaft und die Welt der sex-positiven Vollzeit-Pionier_innen. Der Wechsel zwischen diesen Welten ist ein großer Schritt. Auch ich habe das so erlebt, in die eine wie die andere Richtung.

Ich wünsche mir eine Durchlässigkeit zwischen diesen Welten. Ich möchte ohne Grenzkontrolle hin- und herspazieren können. Ohne dass es jemand irgendwie verwunderlicher oder bedauerlicher findet als, sagen wir, einen Jura-Studienabbruch um Tischler zu werden, oder ein Jura-Studium nach der Tischlerlehre. Ohne, dass jemand meinen Einzelfall als Evidenz für sein oder ihr „Ich hab’s ja schon immer gewusst“ nimmt. Deswegen mache ich mich auf den Weg, wenn mir der Sinn danach steht. Es sind noch keine bequemen Spazierwege. Man braucht ordentliches Schuhwerk, ein wenig Eigensinn, Menschen, die an einen glauben, und es hilft ungemein, einen Abschluss im Gepäck zu haben in einem Bereich, in dem gerade händeringend gesucht wird. Die Lage ist leider nicht so, dass ich meine Vorgehensweise jedem und jeder empfehlen würde.

Ich habe in meinem Lebenslauf als Berufserfahrung „selbständige Tätigkeit als Tantramasseurin“ angegeben und unter „Engagement und Projekte“ auf den Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen und den Dokumentarfilm „SEXarbeiterin“ verwiesen. Es sind tolle Projekte und ich sehe nicht ein, mein Licht unter den Scheffel zu stellen, bloß weil Tantramassage, Sex und Erotik vorkommen. Ich hab’s darauf ankommen lassen. Es hat sich gelohnt. Keine einzige blöde Bemerkung im Bewerbungsprozess. Ich habe eine spannende Arbeitsstelle mit entspannten Kolleg_innen und ich kann mir die Heimlichtuerei sparen. Ja, es hätte auch erheblich schlechter laufen können. Aber Wege entstehen nur, wenn genug Leute** es darauf ankommen lassen.

* Edit: Das sollte selbstverständlich sein, aber weil ich so oft erlebt habe, dass es so nicht verstanden wird: damit will ich überhaupt nicht abstreiten, dass Sexarbeit für manche Kolleg_innen auch eine erhebliche Belastung mit schweren Folgen darstellt. Es ist unabhängig vom Kontext immer tragisch, wenn sich Menschen z.B. aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sehen, eigene Grenzen zu verletzen oder verletzen zu lassen. Und für viele Menschen ist es sicher eine persönliche Grenze, mit fremden Menschen Sex zu haben. Das Problem ist aber nicht Sex als Arbeit an sich, denn offensichtlich gibt es eben auch viele Menschen, die weitgehend unbeschadet in diesem Bereich arbeiten können. Das Problem ist, wenn Menschen sich genötigt sehen, dieser Arbeit nachzugehen, obwohl sie sich nicht wohl damit fühlen; oder wenn die Arbeitsbedingungen derart sind, dass es ihnen nicht möglich ist, dieser Arbeit auf eine Art und Weise nachzugehen, die mit ihren eigenen Grenzen vereinbar ist.
** von denen, die es sich irgendwie erlauben können

6 Gedanken zu „Gedanken zum Berufswechsel

  1. Hallo Lena… tolles Statement! Ganz liebes Dankeschön dafür. Gerade für mich als würdige Dame von 60plus und IMMER NOCH neu im Metier steckt eine Menge Ermutigung darin. Es ist so….Wir müssen uns immer wieder neu erfinden, ganz egal, wie alt war sind. Bin selber auch gerade dabei….Ganz liebe Grüße an Dich und ich denke, Du gehst uns ja nicht verloren.

  2. Hallo liebe Lena … ich wünsche Die alles Gute in der IT …

    das Leben besteht nun mal aus Phasen und das haben viele von uns schon erlebt.

    Deine „Gedanken“ finde ich sehr spannend …

    Lieben Gruß

    Howard

  3. So viel Freiheit war nie – jetzt hat der „Gesetzgeber“ diese mit dem neuen Prostitutionsgesetz erheblich eingeschränkt – meiner Meinung nach der Grund aus zu steigen und ins „bürgerliche Lager“ zurück zu kehren. Eine gute Entscheidung, Respekt!

    • Hallo Jörg,

      Dein Spruch vom „bürgerlichen Lager“ ist ein wunderschönes Beispiel für genau die Art von Denke, die mir so auf den Keks geht ;-).

      Und es ist eine fette Unterstellung deinerseits, dass es am Gesetz liegt, wenn ich den Beruf wechsle. Wenn man sich das Gesetz anschaut, dann stellt sich heraus: für Sexarbeiterinnen, die wie ich keine eigenen Räume betreiben, ohnehin in Studios gearbeitet haben, die offiziell genehmigt statt nur geduldet sind, und überdies schon weit und breit geoutet sind, bringt das Gesetz nur minimale Nachteile. Registrierung an jedem Arbeitsort? Ich habe eh nur in Berlin gearbeitet, easy. Outing durch Hurenausweis? Naja und? Weiß doch eh schon jeder, der googeln kann… Gesundheitsberatung? Lästig, aber auch nicht lästiger als Steuererklärung, und die steht ja auch einmal im Jahr an. Ich selbst hatte vom neuen Gesetz so gut wie nichts zu befürchten, und deswegen ist es auch nicht der Grund für’s Aufhören. Sondern tatsächlich (wer hätte das gedacht?) das, was ich beschrieben habe: mal wieder was mit mehr Denken machen wollen. Macht auch gerade echt Spaß. Auch wenn ich manchmal damit zu kämpfen habe, wie viel weniger selbstbestimmt ich mittlerweile auf der Arbeit bin als ich es in den vergangenen Jahren war. Und dabei arbeite ich noch in einem echt entspannten Laden.

      Das Gesetz ist nicht problematisch, weil es mir an mein privilegiertes Bein pisst, sondern weil ein Großteil der Sexarbeiterinnen reist, in nur geduldeten oder künftig teils ohne soliden Grund nicht mehr genehmigungsfähigen Betrieben arbeitet und vor allem eben nicht geoutet ist und auch möchte, dass das so bleibt.

      • Du hast mich leider nicht verstanden – ich stelle „bürgerlich“ in Anführungszeichen, weil fraglich ist, ob sich dort nun die „besseren Menschen“ befinden, insofern finde ich schon richtig für mehr Durchlässigkeit – eigentlich mehr Ehrlichkeit zu plädieren. Und das Du auf vorurteilsfreie Leute gestoßen bist, die Dich eingestellt haben finde ich gut! Also toi toi toi im neuen IT-Job.

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